Stiftungsgrund
Auszug aus der Ansprache von Monica Thaddey, anlässlich der Eröffnungsfeier des Kinderheims ‘Carla Students Home’ in Indien am 9. März 2001:
Heute findet die Eröffnung des ‘Carla Students Home’ statt.
Wie hat dies alles seinen Anfang genommen?
Vor zwei Jahren hätte ich mir nie vorstellen können, eines Tages auf einer Bühne vor fast 1000 Leuten in Indien zu stehen und nun bin ich hier.
Das ‘Carla Students Home’ ist meiner Schwester Carla gewidmet. Sie starb am 7. April 1996. Während ihres Lebens war Carla eine Person mit grossem Mitgefühl für Kinder gewesen. Ihre Aufgabe als Primarlehrerin hatte sie überaus geliebt. Wir diskutierten öfters über die Möglichkeit, in Zukunft zusammen ein Kinderheim zu bauen. Für mich war klar, dass wir diesen Traum eines Tages realisieren könnten, aber wie Menschen eben sind, verschoben wir dieses Projekt auf später.
In meinen eigenen Gedanken verspürte ich bereits früh den starken Wunsch, eines Tages etwas zu verwirklichen, was Grundstein sein könnte, um wichtige Erkenntnisse und Lebensweisheiten an Menschen weiterzugeben, um deren Weg durchs Leben zu erleichtern. Vor 10 Jahren hatte ich bereits begonnen, zu meditieren und buddhistische Bücher zu lesen. Je mehr ich mich mit Buddha’s Lehren befasste, desto klarer wurde mein Entschluss, dass der Dharma-Pfad auch andere Menschen interessieren könnte.
Die erste zufällige Meditationsstunde mit Bhante Ananda in der Schweiz veränderte mein Leben. Ihm und seinen Worten lauschend, erkannte ich die Chance, mein bisheriges Tun in ein besseres zu verwandeln. Nennen Sie es Zufall oder sonst etwas, ich fühlte eine dringende innere Stimme, Bhante Ananda eines Tages zu kontaktieren. So telephonierte ich nach Indien und dies mitten in der Nacht (bedingt durch die Zeitverschiebung), um mit ihm zu vereinbaren, dass er auf seiner Europatournee in die Schweiz kommen würde, um 9 Personen in die Meditation einzuführen.
Am Ende eines sehr interessanten Meditations-Retreats im Oktober 99, entschied ich mich, das ‘Carla Students Home’ bauen zu lassen. Nun hatte ich zwei Wünsche in ein Projekt gesteckt.
Erstens, ein Heim für Kinder errichten, welche aufgrund ihrer Armut keine Möglichkeit haben, zu studieren und zweitens den Kindern in diesem Heim, nebst den normalen Lektionen auch Buddha’s Lehren, das Dharma, zu vermitteln.
Meine grosse Hoffnung und mein Wunsch sind es, dass alle 200 Kinder die im ‘Carla Students Home’ wohnen, glückliche Kinder sein mögen und dass sie eine gute Schul- sowie Lebensbildung erhalten, welche ethische und moralische Aspekte in den Alltag einschliessen. Diese Jugendlichen sollen eines Tages stark genug sein, einem zukünftigen Leben entgegenzutreten, gestärkt durch Meditation, mit Mitgefühl, Kraft und Weisheit.
Carla war verzweifelt an einer Welt, in welcher sich jeder um sein eigenes Wohlergehen kümmert. So war sie des Lebens müde nach nur 43 Jahren.
Doch genau durch Carla’s Entscheidung, aus dem Leben zu treten, erhielt ich selbst neue Kräfte und schaute mit klareren Augen auf mein eigenes Dasein. ‘Wie alt werde ich wohl werden? Wann wird die Stunde für mich einmal schlagen? Was habe ich bis anhin getan?’
Normalerweise sind Menschen passiv, manchmal in nachfolgender Hinsicht gar untätig ein ganzes Leben lang. Wir mögen uns zwar zwischendurch fragen ‘He, Du solltest eigentlich dies oder das nun tun’, aber wir tun es nie. Zu handeln heisst, meine Freiheit bis zu einem Punkt aufzugeben, indem ich mich auf eine gewisse Weise an eine neue Situation binde. Folgender Satz, den ich irgendwo gelesen habe, liess mich aufhorchen: ‘Wenn wir glauben, dass Passivität unsere Welt und uns selbst retten könnte, dann wäre die Welt bestimmt ein schönerer Platz ohne uns.’ Jede Absicht in unserem Geist kreiert Worte und Taten. Somit besteht keine Möglichkeit, dem Prinzip von Ursache und Wirkung zu entkommen. Menschen leiden zu sehen und sich zu entscheiden, nichts dagegen zu unternehmen, ist sicherlich nicht die richtige Art zu leben.
Jedermann sollte sich über das karmische Gesetz von Ursache und Wirkung im Klaren sein. Wir mögen manchmal falsch handeln, aber die Chance, im richtigen Moment gut zu handeln wird sich durch Achtsamkeit und Weisheit erhöhen und wir werden immer weniger falsche Schritte unternehmen. Ueberhaupt nicht zu Handeln, passiv zu bleiben, wird aus meiner Sichtweise, im weltlichen wie auch im spirituellen Sinne, zu einem Rückfall der Persönlichkeit führen. Nachdem wir somit alle aktiv handeln sollten, lasst uns alle weise handeln.
Selbstverständlich bin ich sehr dankbar, die nötigen finanziellen Mittel zu meiner Verfügung zu haben, um ein solches Projekt überhaupt verwirklichen zu können. Mein Vater und meine noch lebende Mutter haben während ihres ganzen Lebens hart gearbeitet, um ein Vermögen zu erwirtschaften, welches mir nun erlaubte, das ‘Carla Students Home’ überhaupt bauen zu lassen. Deshalb bin ich meinen Eltern sehr dankbar.
Denken Sie nun bitte nicht, gut, ich habe keine Mittel zur Verfügung, um in ein solches Projekt zu investieren. Der kleinste Betrag kann helfen, das Leben eines einzigen Kindes zu bereichern. Wenn wir uns gegenüber ehrlich genug sind, müssen wir zugestehen, dass wir oft zu faul oder zu egoistisch sind, um immer eine gute Entschuldigung zu finden, nicht helfen zu müssen. Und genau hier kommen wir wieder zum Punkt ‘Handeln’ anstatt ‘Nicht Handeln’.
Jeder sollte innerhalb seiner eigenen Möglichkeiten handeln. Jetzt und heute haben wir die Chance, zu helfen – wer sagt Ihnen, ob Sie noch leben werden in zwei Jahren?
Die Maha Bodhi Maitri Mandala möchte in Zukunft auch ein klösterliches Ausbildungs-Projekt verwirklichen, aber auch hier benötigen die Mönche Hilfe von Menschen.
Ich bin sehr zuversichtlich, dass unsere gegenwärtigen Schulprojekte klare Formen annehmen werden – wir werden auch unsere zukünftigen Ziele erreichen, denn wir bleiben aktiv.
Bei dieser Gelegenheit möchte ich Bhante Ananda von ganzem Herzen danken für seine unglaubliche Tatkraft, sein grosses Mitgefühl, seine Geduld und Hilfe auch in schwierigen Zeiten. Bhante Ananda möchte eine bessere Welt kreieren – zögern wir nicht, ihm auf jede mögliche Art zu helfen.
Danke, sehr geehrte Nonnen und Mönche, Damen und Herren, die sie von fern und nah gekommen sind.
Mögen Sie glücklich sein, mögen sie gesund sein und mögen Sie nie vergessen in Ihrem Leben aktiv zu bleiben – Veränderung findet dauernd statt – wir müssen Zeit und Dinge hinter uns lassen, aber solange wir aktiv bleiben, leben wir ein fruchtbares Leben bis zum Moment unseres Todes.
Mysore, März 2001, Monica Thaddey